MUSIK

Brijean

Feelings

Ghostly International/Cargo/VÖ: 26.02.

Wie eine feuchtfröhliche, spärlich beleuchtete Nacht muss sich dieses Nebenprojekt für Brijean Murphy und Doug Stuart anfühlen. Eine gefühlt endlose Entdeckungsreise zwischen Electro-Latin, jazzigem Dreampop und tropischem Disco-Soul, mit der sich die beiden Musiker aus Oakland ein bisschen von ihren sonstigen Projekten freischwimmen.

 

Murphy ist sonst u.a. als Perkussionistin für Waterstrider, Toro Y Moi, U.S. Girls und Poolside aktiv, während Multi-Instrumentalist und Produzent Stuart bei Bells Atlas, Meernaa, Dougie Stu und Luke Temple Jazz und Pop jongliert. Nach dem Mini-Album »Walkie Talkie« von 2019 expandiert dieses flirrend-unfokussierte Album auch bei der Besetzung, u.a. sind Chaz Bear (Toro Y Moi), Tony Peppers und Hamir Atwal als Gäste vertreten und kuscheln ihre Mitbringsel auf die sanfteste Art ins musikalische Séparée.

 

Den lasziven Unterton brachte Murphy selbst früh ins Spiel, die Songs sollen ihrer Meinung »mental health vibes but also sexy vibes« ausstrahlen, wie sie thebaybridged.com verriet. Und wo fühlt sich eine leicht anrüchige Morgenstimmung besser zuhause, als in einem taumelnden Gemenge von wärmenden Grooves, knackigen Drinks und einer vertrauten Zwischenmenschlichkeit, die sich ganz ohne Smalltalk bestens zu verständigen weiß.

 

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                      04.02.2021


MUSIK

Arlo Parks

Collapsed In Sunbeams

Transgressive/PIAS/Rough Trade/VÖ: 29.01.

Die Pandemie ist ja nun bald mal oft genug als Jammer-Referenz herangezogen worden. Also Strich drunter, erste Sonnenstrahlen einfangen und sich von der jungen Londoner Newcomerin Arlo Parks verzaubern lassen, die hier mal ein mutmachendes, swingendes und außergewöhnlich großartiges Debüt hinlegt.

 

Wer glaubte, im Bereich zwischen Neo-R’n’B, Lounge-Jazz, Indie-Pop und verhaltenem Sprechgesang wäre schon alles abgegrast, think again! Die Songwriterin glänzt nicht nur mit einer anschmiegsamen Soprano-Stimme, sondern kann sich inmitten einer fetten, aber nie übertriebenen Produktion stets souverän in Szene setzen.

 

Griffige Beats, perfekte Pop-Melodien, schwarze Harmonien und tiefgehende Texte, mit denen man sich unter optimistischer Zuversicht weggleiten lassen kann. »I want it to feel both universal and hyper specific«, wird Parks zitiert, die Nayyirah Waheed, Hanif Abdurraqib und Iain S. Thomas als ihre wichtigsten poetischen Einflüsse nennt, und gleichzeitig eine selten-perfekte Mischung aus Pop und Spannung erschafft.

 

Anspieltipps sind bei einem Album voller Highlights eigentlich Makulatur, aber die erste Single »Caroline«, oder auch »Hurt« zeigen deutlich, dass zwischen Corinne Bailey Rae, Lianne La Havas und Fiona Apple soeben eine maßgeschneiderte Ecke freigeworden ist.

 

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                        22.01.2021


MUSIK

Mina Tindle

Sister

37d03d/Cargo/VÖ: 09.10.

Auch wenn dieses dritte Album für die französische Chanteuse Pauline de Lassus Saint-Geniès aka Mina Tindle laut Plattenfirma die Abkehr vom »strahlenden Indie-Pop« einleiten soll, so richtig düster wird es zum Glück dann doch nicht.

 

Und das, obwohl sie schon mit The National auf Tour und zudem im Vorprogramm von Sufjan Stevens zu sehen war. Weiterhin versprühen die zurückhaltenden Klavier-Kompositionen eine optimistische Fröhlichkeit, denen Thomas Bartlett als Produzent Leben eingehaucht hat. Im Gegensatz zu anderen Künstlerinnen die Bartlett aufgenommen hat (z.B. Joan As Police Woman oder Florence + The Machine) bleibt Mina Tindles Sound immer unmittelbar zugänglich.

 

Mit einer dezenten, klassischen Schwere, kleinen Chorstimmen und sanften Percussion-Begleitungen, die die mal in französischer, mal in englischer Sprache verfassten Gesänge nur minimal aufbrezeln. Sogar ein gewisser analoger Hauch von Shoegaze weht durch die Songs, ohne verhallte Gitarrenwände und Post-Wave-Depressionen, dafür mit französischer Leidensfähigkeit, die von Grund auf eine gewisse elitäre Größe vorweisen kann. Und wer dann obendrein noch Sufjan Stevens höchstselbst als Feature (»Give A Little Love«) mit auf die Platte kriegt, dem darf man die berechtigte Relevanz im Strudel neuer Musikveröffentlichungen definitiv nicht absprechen.

 

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                             05.10.2020


MUSIK

Schlammpeitziger

Ein Weltleck in der Echokammer
Bureau B/Indigo/VÖ: 25.09.

 

Jo Zimmermann hat seinen Casio-Keyboards wieder neue Sounds entlockt, diesen ehemals als Spielzeug belächelten Tasteninstrumenten mit flächigen 1980er-Jahre-Sounds und arg künstlichen Streichinstrumenten, deren Gebrauchtmarktpreise mittlerweile aufgrund wachsender Beliebtheit tatsächlich deutlich gestiegen sind. Aber natürlich sind sie nicht die einzige Klangquelle, aus denen der Kölner seine wahlweise Lofi-Krautronica oder Art-Electro-Dub getauften Kompositionen schöpft.

 

Die Tracks glänzen – genau wie die Albumtitel – stets mit einer gewissen Albernheit, auf »Ein Weltleck…« halten nun erstmals sinnfreie Wortbeiträge Einzug, kurze Reime von Zimmermann, die um knackige Dub-Rhythmen kreisen und vielleicht auch unterstreichen sollen, dass diese fancy Tanzmusik eher für vertrippte Ohrensesselabende gedacht ist, auch wenn man dazu theoretisch formidabel tanzen könnte. Im sitzen kann man sich auch gleich besser über die kreativen Songtitel amüsieren, »Wurfhalm Wiggo«, »Hüftgoldpolka« oder»Rappelvolle Leere« lassen einen bedächtig mit dem Kopf wackeln und schmunzeln. Elektronische Klangtherapie für rauchgeschwängerte Altbauwohnungen mit humoristischen Anwandlungen und einigen gerahmten Zeichnungen von Zimmermann selbst, die z.B. »Es ist wie es ist. BRD.« heißen.

 

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                             04.09.2020


MUSIK

Róisín Murphy

Róisín Machine
Skint Records/Waner/VÖ: 25.09.

Wild, tanzbar und musikalisch auf der Grenze zwischen Eingängigkeit und kreativem Wagemut – da macht das neue Album der Irin erfreulicherweise keine Ausnahme.

 

Auch wenn die erste Single »Something More« (für Murphy geschrieben von Amy Douglas) eher eine mantrahafte Dub-Grundstimmung verbreitet, bietet »Róisín Machine« die erhoffte Abwechslung zwischen galant-mächtiger Gesangsstimme und entfesselnden Stil-Mischungen aus New-Disco (»Narcissus«), Beach-Club-Funk (»Incapable«) und mit Handclap-Samples aufgehübschtem Roboter-Soul (»Murphy’s Law«), der spannenderweise immer ein wenig hinter dem Takt zu hängen scheint.

 

Gerade mit solchen kleinen Feinheiten liefert Murphy Tiefgang und musikalische Diskurs-Anstöße, dezente Sounds, unbeobachtete Schlenker und plötzliche Harmoniewechseln, die abseits der Tanzfläche Nachforschungen ermöglichen. Schon ihr Durchbruch mit Moloko vor beinahe 25 Jahren war geprägt von der äußerst cleveren Mischung aus tanzbarer Oberflächlichkeit und musikalischem Genietum, das sich hier nahtlos fortsetzt.

 

Ob es nun die bombastische Funkbass-Linie auf »Jealousy« oder die düsteren Shuffle-Drumsamples auf »Simulation« sind, die als kleine Zacken im Fleisch steckenbleiben, Murphys Tracks verharren stets eher als Denkanstoß, denn als Ohrwurm im Kopf. Nur mit den Handclap-Samples in beinahe jedem Song ist die Künstlerin diesmal vielleicht ein wenig über das Ziel der ironischen Provokation hinausgeschossen.

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                             09.09.2020