MUSIK

Róisín Murphy

Róisín Machine
Skint Records/Waner/VÖ: 25.09.

Wild, tanzbar und musikalisch auf der Grenze zwischen Eingängigkeit und kreativem Wagemut – da macht das neue Album der Irin erfreulicherweise keine Ausnahme.

 

Auch wenn die erste Single »Something More« (für Murphy geschrieben von Amy Douglas) eher eine mantrahafte Dub-Grundstimmung verbreitet, bietet »Róisín Machine« die erhoffte Abwechslung zwischen galant-mächtiger Gesangsstimme und entfesselnden Stil-Mischungen aus New-Disco (»Narcissus«), Beach-Club-Funk (»Incapable«) und mit Handclap-Samples aufgehübschtem Roboter-Soul (»Murphy’s Law«), der spannenderweise immer ein wenig hinter dem Takt zu hängen scheint.

 

Gerade mit solchen kleinen Feinheiten liefert Murphy Tiefgang und musikalische Diskurs-Anstöße, dezente Sounds, unbeobachtete Schlenker und plötzliche Harmoniewechseln, die abseits der Tanzfläche Nachforschungen ermöglichen. Schon ihr Durchbruch mit Moloko vor beinahe 25 Jahren war geprägt von der äußerst cleveren Mischung aus tanzbarer Oberflächlichkeit und musikalischem Genietum, das sich hier nahtlos fortsetzt.

 

Ob es nun die bombastische Funkbass-Linie auf »Jealousy« oder die düsteren Shuffle-Drumsamples auf »Simulation« sind, die als kleine Zacken im Fleisch steckenbleiben, Murphys Tracks verharren stets eher als Denkanstoß, denn als Ohrwurm im Kopf. Nur mit den Handclap-Samples in beinahe jedem Song ist die Künstlerin diesmal vielleicht ein wenig über das Ziel der ironischen Provokation hinausgeschossen.

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                             09.09.2020


MUSIK

Greg Dulli

Random Desire
Royal Cream/BMG/VÖ: 21.02.

Wer wie Greg Dulli mit einer unverkennbaren Stimmfarbe gesegnet ist, der braucht sich nicht unbedingt auf ewig hinter den eigenen Bands namens Afghan Whigs oder The Twilight Singers zu verbergen, sondern kann durchaus auch mal ein Soloalbum aufnehmen.

 

Nach 30 Jahren im Rock’n’Roll-Zirkus hat er es nun denn auch gewagt, und ist zu seinen »teenage bedroom roots« zurückgekehrt, wie er es selbst formuliert. Inspiration lieferten, neben den offensichtlichen musikalischen Einflüssen der beiden genannten Bands angeblich Prince und Todd Rundgren. Was jetzt nicht direkt zu hören ist. Vielmehr ticken die 37 Minuten im typischen Dulli-Stil vorbei, brüchig, verheißungsvoll, irgendwo zwischen drängelndem Rock, majestätischer Stimmgewalt und rauchgeschwängertem Literatencafé.

 

Interessanterweise haben es Dulli und Soundengineer Christopher Thorne im bekannten Joshua Tree Studio trotzdem geschafft, seiner Stimme noch neue Klangfarben (deutlich z.B. im Anfang von »Sempre«) zu entlocken. Drumherum geben sich befreundete und begehrte US-Rocker die Studiotürenklinke in die Hand, u.a. Jon Skibic (Afghan Whigs), Nelson und Schneeberger von den Twilight Singers sowie Schlagzeuger Jon Theodore (QOTSA, The Mars Volta).

 

Beste Voraussetzungen für ein abwechslungsreiches Album zwischen hastiger Gitarrenwut, langsam pulverisierenden Akustikmomenten und explodierenden Indierocksongs wie »The Tide«, die tatsächlich an die besten Momente der Afghan Whigs anknüpfen können.

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                              07.02.2020


MUSIK

Georgia

Seeking Thrills
Domino/Goodtogo/VÖ: 10.01.2020

Das Warten hat sich gelohnt: Nachdem ihr neues Album eigentlich schon im Mai 2019 erscheinen sollte, veröffentlicht Georgia Barnes nun endlich "Seeking Thrills" - eines der ersten Pop-Highlights 2020.

 

Star-Qualitäten werden nur in den seltensten Fällen durch Fleiß und Disziplin erweckt - man hat sie, oder man hat sie nicht. Wer einen Beweis dafür sucht, sollte sich den Auftritt  von Georgia Barnes beim legendären Glastonbury-Festival 2019 ansehen, umringt von einem roten, elektronischen Schlagzeugset, Synthesizern und Drumpads. Als tanzende und wippende One-Woman-Show haut Georgia die wummernden Beats, die Synthesizer-Flächen und prägnanten Basslinien im Alleingang raus und singt dazu mit einer Souveränität, die der Endzwanzigerin aus London schlicht angeboren sein muss.

 

Ein Highlight dieses Auftritts ist unter anderem "About Work The Dancefloor", ein treibender Electropop-Song vom neuen Album, dessen Energie ein wenig an Robyns "Dancing On My Own" erinnert. Im Juni 2019, also zur Zeit ihres Auftritts in Glastonbury, war das Album "Seeking Thrills" schon so gut wie fertiggestellt, mit minimaler Hilfe von Produzenten wie Sean Oakley (Black Sabbath, Lady Gaga) und Mark Ralph (Years & Years, AlunaGeorge). Doch dann gingen die Vorab-Singles "Started Out" und "About Work The Dancefloor" durch die Decke. BBC Radio1 hievte Georgia auf die A-Playlist und bescherte ihr somit in England eine enorme Welle der Aufmerksamkeit sowie eine Reihe von Auftritten bei weiteren großen Festivals und Headliner-Konzerte in Europa, Amerika und Australien.

 

Das alles war sicher spannend und ehrfahrungsreich, verschaffte dem Nachfolger zu Georgias selbstbetiteltem Debüts von 2015 aber eine Form von Starthilfe, die wahrscheinlich gar nicht nötig gewesen wäre. Inspiriert von der aktuellen Dancemusic-Szene in Berlin, dem Chicago-House und dem Detroit-Techno der 1980-er hat Georgia ein mitreißendes Pop-Album gezaubert. Die durchgängige Ruppigkeit des Debüts wird geschickt komprimiert in vielen kleinen Momenten des Aufbegehrens, etwa wenn in "Ray Guns" Georgias Kenntnis von Worldmusic und Trap zu einem drängelnden Dancetrack verschmelzen, oder wenn "Never Let You Go" mit dröhnend-geachtelter Basslinie eine Brücke zu rockigeren Hymnen schlägt.

 

Neben kleinen Features von Shygirl ("Mellow") und Maurice ("The Thrill") ist es vor allem die Solokünstlerin selbst, die mit beachtenswertem Selbstbewusstsein durch 13 höchst abwechslungsreiche Tracks kurvt und dabei immer wieder ansteckendes Tanzfieber verbreitet. Dann ist es am Ende auch gut, dass dieses Album mit einem Dreivierteljahr Verspätung erscheint - das erste Highlight des noch jungen Pop-Jahres 2020 ist damit schon gesetzt.

 

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Weser-Kurier                                                                                   02.01.2020