MUSIK

Arlo Parks

Collapsed In Sunbeams

Transgressive/PIAS/Rough Trade/VÖ: 29.01.

Die Pandemie ist ja nun bald mal oft genug als Jammer-Referenz herangezogen worden. Also Strich drunter, erste Sonnenstrahlen einfangen und sich von der jungen Londoner Newcomerin Arlo Parks verzaubern lassen, die hier mal ein mutmachendes, swingendes und außergewöhnlich großartiges Debüt hinlegt.

 

Wer glaubte, im Bereich zwischen Neo-R’n’B, Lounge-Jazz, Indie-Pop und verhaltenem Sprechgesang wäre schon alles abgegrast, think again! Die Songwriterin glänzt nicht nur mit einer anschmiegsamen Soprano-Stimme, sondern kann sich inmitten einer fetten, aber nie übertriebenen Produktion stets souverän in Szene setzen.

 

Griffige Beats, perfekte Pop-Melodien, schwarze Harmonien und tiefgehende Texte, mit denen man sich unter optimistischer Zuversicht weggleiten lassen kann. »I want it to feel both universal and hyper specific«, wird Parks zitiert, die Nayyirah Waheed, Hanif Abdurraqib und Iain S. Thomas als ihre wichtigsten poetischen Einflüsse nennt, und gleichzeitig eine selten-perfekte Mischung aus Pop und Spannung erschafft.

 

Anspieltipps sind bei einem Album voller Highlights eigentlich Makulatur, aber die erste Single »Caroline«, oder auch »Hurt« zeigen deutlich, dass zwischen Corinne Bailey Rae, Lianne La Havas und Fiona Apple soeben eine maßgeschneiderte Ecke freigeworden ist.

 

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                        22.01.2021


MUSIK

Smashing Pumpkins

Cyr

Rykosdisc/Warner/VÖ: 27.01.

Wie schon auf »Shiny And Oh So Bright, Vol. 1« (2018) ist hier die Originalbesetzung, abzüglich Bassistin D’Arcy Wretzky, zuzüglich Gitarrist Jeff Schroeder neben Mastermind Billy Corgan gelistet. Und nach den etwas faserigen Besetzungswechseln der Band und auch Corgans musikalischen und geschäftlichen (u.a. »Madame Zuzu’s Teashop«) Nebenprojekten bringt die Alternative-Rock-Band nun in kurzer Folge zwei neue Veröffentlichungen raus.

 

»Cyr« ist dabei zwar ein Doppelalbum, aber nicht die Platte, welche die Trilogie aus »Mellon Collie…« (1995) und »Machina…« (2000) vollenden soll. Denn dieses abschließende Album soll später im Jahr 2021 erscheinen.

 

So mancher hat da schon im Vorfeld befürchtet, dass diese überschäumende Kreativität sich nicht zwangsläufig in musikalischer Qualität ausdrücken könnte. »Cyr« ist ein opulentes, und deutlich von alten und neuen Synthesizer-Klängen (teilweise mit Gitarreneffekten erschaffen) geprägtes 20-Song-Musikmonster geworden, dass gleichermaßen mit Licht und Schatten fremdelt.

 

Es hat wundervolle Pop-Momente und sehr wenig krachige Gitarren, glänzt mit komplexen Klangstrukuren, fordert aber auch mit vielen ausufernden Längen, deren Sinnhaftigkeit sich wohl nur dem Meister selbst erschließt. Trotzdem eine der besseren späten Smashing Pumpkins-Veröffentlichungen, auch wenn das verbissene Festhalten an diesem Band-Monolithen zumindest kreativ sein Haltbarkeitsdatum lange überschritten hat.

 

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                       22.11.2021


MUSIK

Kiwi Jr.

Cooler Returns

Sub Pop/Cargo/VÖ: 22.01.

Erst Anfang 2020 hat die kanadische Band ihr Debütalbum »Football Money« rausgebracht, nun kommt bereits der Nachfolger. Natürlich geprägt vom Virus, orangefarbenen Präsidenten und anderen Ungeheuerlichkeiten, die unseren und ihren Alltag mehr oder weniger nachhaltig tangieren. Dabei produzieren die vier Herren mit klassischer Slacker-Attitüde einen schrammelig-poppigen Sound, der sich anscheinend wenig um Trends oder musikalische Anerkennung schert.

 

Sänger/Gitarrist Jeremy Gaudet definiert gesangstechnisch zwar eine äußerst souveräne Parallele zu Stephen Malkmus (Pavement, The Jicks), doch diese leicht lallende, leicht schiefe, stets äußerst sympathische Gesangsstimme ist nicht der einzige Backflash in die 1990er: Jangle-Gitarren mit zwölf Saiten, stoische Rhythmen und eine sofort verständliche, immer leicht hymnische Melodieführung, die einen quasi dazu verpflichtet, doch einmal tiefer in das Songwriting der Band einzutauchen.

 

Fabelhaft dahingroovende Indie-Songs, die, befreit vom Zeitstempel und einer dazugehörigen Subkultur herrlich unaufgeladen vorbeischrammeln.

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                       22.01.2021


MUSIK

Palberta

Palberta 5000

Wharf Cat/Cargo/VÖ: 22.01.

»Idiosyncratic« – dieses Wort bleibt in der Klassifizierung des New Yorker Trios am deutlichsten hängen. Eigenwillig, spezifisch, eigenartig sind einige der deutschen Übersetzungen, und die passen sehr gut, auch wenn ihr zappelig-schrammeliger Ersatzteil-Art-Pop sich auf einige Vorreiter und spannende Vergleiche (u.a. Captain Beefheart, CAN und Yoko Ono) berufen kann.

 

Die Friedenspfeife mit freundlicheren Pop-Momenten haben Ani, Lily und Nina für ihre mehrstimmigen Gesänge angezündet, nicht im glückseligen Motown-Sinne, sondern eher im ewigen Windschatten von Riot-Grrrl-Bands wie Bikini Kill, Sleater-Kinney oder Nachfolgern wie Mary Timony (Helium, Wild Flag, Ex Hex).

 

Im Ergebnis eine stechende Karambolage der Gegensätze, auch wenn die rumpelige Naivität auf Palbertas nunmehr fünften Album längst durch humorvolle Disruption abgelöst wurde. Und darin steckt der eigentlich schmerzhaft-schöne Punkrock-Moment von Palberta: keine machohaften Zerrgitarren oder prollige Testosteronschreie, sondern kaputte Rhythmen und liebliche Gesänge rütteln die saturierten Konsumbürger vom Designersofa.

 

Leute, die sich ihren ehemals wütenden Wochenendpunk längst zur Prosecco-Flatrate hinzuaddiert haben, kriegen von Palberta einen kribbelig-bunten Einlauf, der ganze Hipster-Playlisten zerfleddern kann.

 

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                        04.01.2021


MUSIK

The Dirty Nil

Fuck Art

Dine Alone Records/Membran/VÖ: 01.01.

Der Plattenfirma zufolge enthält das dritte Album der Band aus Ontario »keine Lieder über soziale Isolation, die unmittelbar bevorstehende Apokalypse oder den Triumph des menschlichen Geistes über alle Widrigkeiten«. Stattdessen halten sich die Texte brav an die Pop-Punk-Schablone, also zerrüttete Beziehungen, die Angst vor dem 30. Geburtstag und Slayer hören im eigenen Dodge Caravan.

 

Aber natürlich waren die Aufnahmen trotzdem geprägt vom »Social Distancing«. Nachdem ein guter Teil des Materials bereits in den Union Studios in Toronto fertiggestellt wurde, musste das Studio wegen Corona schließen und die Band fing an sich via Internet Aufnahmespuren zuzuschicken, welche zuvor in separaten, stets gründlich desinfizierten Tonstudios aufgezeichnet wurden.

 

Das Ergebnis klingt so, als ob das Jahr 2020 und auch die 19 Jahre davor schlicht übersprungen wurden. Fett produzierter, nicht zu rüpeliger College-Rock mit verzerrten Gitarren, mehrstimmigem Gesang und einfach gehaltenen Songstrukturen, man denke an Lit, Saves The Day, Sum41 oder frühe Sugar Ray.

 

The Dirty Nil können jetzt nur inständig hoffen, in die »Best Of-90s-Alternative-Rock«-Playlist rutschen zu dürfen, damit sie ein bisschen was von der Aufmerksamkeit bekommen, für die sie die räudigen Gitarrenriffs, sperrigen Screams und spontanen Wutausbrüche der ersten beiden Alben geopfert haben.

 

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                       01.01.2021