MUSIK

Brodka

Brut

PIAS/Rough Trade/VÖ: 28.05. CD|Vinyl|mp3

Manchmal sind es nur Nuancen, die auf dem weiten Feld des tanzbaren Elektro-Pop Einheitsbrei von wahren Perlen unterscheiden. Bei der in Warschau geborenen Songwriterin ist nicht nur ihr warmes, überaus wendiges und geschultes Stimm-Timbre ein eindeutiger Aha-Moment, sondern auch die ganze Produktion dieses Albums sorgt für Aufsehen.

 

Erstaunlich umso mehr, als sie 2004 die dritte Staffel der polnischen Castingshow »Idol« gewonnen hat – eigentlich sind solche vermeintlichen Meilensteine immer ein Garant für die ultimative musikalische Belanglosigkeit. Aber durch die Produktion von Oli Bayston (Boxed In) hat ihre Stimme ein spannendes, dystopisches Umfeld erhalten, in dem analoge Drumbeats mit Synthesizern, Chören und durchdringenden Gitarrenriffs spannende Szenerien erschaffen.

 

»Falling In To You« sticht durch charmante Chor-Arrangements, eine knochentrockene Rhythmus-Sektion aus Drums und Bass und Brodkas einnehmende Stimme hervor, mit einem Chorus, der gar heimliche Hitqualitäten besitzt. Die Abwechslung zwischen den elf Songs ist groß, die düstere Grundstimmung wird eher durch geschickte Arrangements, als durch brachiale Synthesizerflächen erschaffen, eine elektrifizierte Postpunk-Schwelgerei ohne Schrammelgitarren-Attitüde, die vor allem deutschen Casting-Show-Teilnehmern tatsächlich mal Lichtjahre voraus ist.

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                       03.05.2021


MUSIK

Schubsen

Sprachfetzen EP

Swing Deluxe/VÖ: 26.02. Stream|mp3

Weil diese Band weit unterm Radar fliegt, kommt diese Rezension mit Verspätung. Und wer beim Bandnamen an räudigen Siffpunk mit Hund denkt, sieht sich getäuscht. Schubsen kommen grob in die deutschsprachige Postpunk-Schublade, hochgetakteter Bass, Schnappatmungs-Gesang in guter Rachut-Tradition und einige etwas verschachtelte Breaks machen aus dem gezielten Nieren-Rempler eben ein etwas gezügeltes Schubsen.

 

Was jedoch nicht weniger intensiv nachhallt. Und der Backkatalog der Nürnberger Band hat immerhin schon zwei Alben vorzuweisen, krachig-sperrige Klanggebilde mit Groove, Tempo und vielen, vielen Worten aus Tiefgang. Denn hier geht es in sechs knappen Songs nach eigener Aussage um die Bedeutung und die Konsequenzen von Sprache, als Waffe, Stütze oder schlichtweg als das kunstvolle Talent, den Raum mit Gefühlen zu füllen.

 

»Über das Verhältnis von Subjekt, Körper und Macht«, knödelt Sänger Robert Krupar in das Intro von »Kein kleiner Jux« und ja, das klingt ein wenig nach Findus, Turbostaat, frühen Razzia und Proseminar Sprachdialektik.

Klanglich führt man den Weg der vorhergehenden Platten fort, eine Mischung aus säuerlichem Proberaum-Flair und flatternden Shoegaze-Hallfahnen, eine völlig widersprüchliche Mischung aus humorlosem Strebertum und fein-klagender Ironie, die Schubsen dann doch hervorhebt. Da muss man sich eben ein bisschen reinfuchsen, um eventuell doch das größere Ganze vorzufinden.

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                       03.05.2021


MUSIK

Lou Barlow

Reason To Live

Joyful Noise/Cargo/VÖ: 28.05. Stream|CD|Vinyl|mp3|MC

Auch Lou Barlow scheint die allesbeherrschende Pandemie zu bedrücken. Dabei war er doch unlängst richtig fleißig, vor dieser Solo-Platte ist soeben auch ein neues Album von Dinosaur Jr. gelandet. Und so wie er stoisch in bester Lofi-Manier in die Akustikgitarre schlägt, den Country-Rhythmus im Blut und die Beatles-Harmonien im Kopf, scheint ihn der Lebensmut schon vor Dekaden verlassen zu haben.

 

Immerhin war er mit Sebadoh eines der Zugpferde der Schrammel-Homerecording-Bewegung irgendwann in den 1990ern. Diesen Flair verströmt auch »Reason To Live«, alles klingt gleichermaßen harmonisch und ausbalanciert wie es dahingerotzt und unbekümmert ertönt. Quasi Emo-Lofi-Musik in Perfektion. Aber die zahlreichen nach Wohnzimmer klingenden Chöre, und die eingängigen Hooks liefern noch mehr Tiefgang, weil Barlow in alten Kisten gekramt hat. Der Opener »In My Arms« sammelt ein eigenes Sample aus dem Jahr 1982 auf, die Single »Love Intervene« wurde bereits 2018 geschrieben und den aktuellen Bedürfnissen angepasst. Bemerkenswert sind zudem die sauber-intonierten Gesangslinien und die häufigen Verbeugungen vor der amerikanischen Folk- und Roots-Country-Tradition, die in der neuen Heimat Massachussetts, mit Frau und drei Kindern vielleicht anders durchdringen als im ewig-hippen Los Angeles. Eine schöne, traurige, intime und musikalisch durchaus anspruchsvolle Platte, die keine Kosmetik oder heimlichen Retuschen nötig hat.

 

 Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                      03.05.2021


MUSIK

DJ Black Low

Uwami

Awesome Tapes From Africa/Cargo/VÖ: 07.05. Stream|CD|Vinyl|mp3

Das kleine Label »Awesome Tapes From Africa« bereichert uns stets mit zauberhaften Acts vom vermeintlich »verlorenen Kontinent«, die unsere Dancemusic ganz gehörig auf Links drehen.

 

Der 20-jährige, in Pretoria lebende Produzent Sam Austin Audebe, alias DJ Black Low, schickt sich dabei an, das Tanzmusikgenre Amapiano aufzumischen, das bei viele Europäern wohl ohnehin nur Fragezeichen hervorruft. Ein House-Stil, der in Südafrika im Jahr 2012 etabliert wurde, und sich mit Elementen aus Deep-House, Jazz, Loungemusic, hochgepitchten Pianos und Kwaito-Basslinien hervortut. Kwaito wiederum ist eine etwas frühere Mutation der westlichen Housemusic, verziert mit afrikanischen Sounds und Samples, etwas gezügeltem Tempo und einem Geburtsdatum in den 1990ern.

 

DJ Black Low schmeißt dazu noch einige verzerrte Samples, legt Tape-Echo-Effekte auf die Stimmen und räumt auch einige andere Musikregale Afrikas um, deren Inhalte uns ziemlich schleierhaft erscheinen. Das schafft kreative Frische, Radebes Stilmix zettelt eine knochentrockene, groovige und spannende Tanzrevolution an, die gleich mehrere Evolutionsschritte überspringt. Für die stimmlichen Beiträge holte er sich Sängerinnen und Sänger, welche die Instrumentaltracks völlig frei ausfüllen durften.

 

Mit Sprachen wie SePedi, Setswana oder isiZulu, die in Südafrika völlig alltäglich sind (isiZulu z.B. wird von zirka 12 Millionen Menschen gesprochen), uns aber wieder vor Augen führen, dass die vermeintlich grenzenlose digitale Welt doch noch genug Geheimnisse versteckt hält. Und DJ Black Low liefert einen großartigen, trippigen, tanzbaren und musikalisch sehr talentierten Soundtrack dazu.

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazins Schnüss                                     03.05.2021


MUSIK

Iron And Wine

Tallahassee

Sub Pop/Cargo/VÖ: 07.05. Stream|CD|Vinyl|mp3|MC

»Tallahassee: Archive Series Volume no. 5« versammelt elf frühe Bandsongs aus der Zeit von 1998-1999. Damals ging Mastermind Sam Beam noch auf das »College of Motion Picture Arts« der Florida State University und war eben noch nicht der charmante und einzigartige Singer-Songwriter-Held von heute.

 

Sein damaliger Mitbewohner und Bandmitglied E.J. Holowicki hat die von Beam angeblich längst vergessenen Aufnahmen verwahrt und stand ihm (mittlerweile als Sounddesigner bei Skywalker Sound tätig) damals während der Aufnahmen als Produzent und Bassist zur Seite.

 

Schleppend-intime Homerecordings mit Country-Feeling, die eine ganz junge Beam-Stimme präsentieren, gleichsam murmelig-tief wie noch etwas unentschlossen bei der Frage, wohin die Reise gehen soll. Für Fans ein wahrer Musikschatz, der angeblich lange in den Händen von Musik-Filesharern aus den frühen Tagen des Internets lagerte (sowie eben auch in Holowickis Hausstand), und nun für alle verfügbar gemacht wurde. Das »lost-in-time«- und quasi Debütalbum setzt damit die Iron And Wine Archive-Series gebührend fort.

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                       03.05.2021