MUSIK

Mina Tindle

Sister

37d03d/Cargo/VÖ: 09.10.

Auch wenn dieses dritte Album für die französische Chanteuse Pauline de Lassus Saint-Geniès aka Mina Tindle laut Plattenfirma die Abkehr vom »strahlenden Indie-Pop« einleiten soll, so richtig düster wird es zum Glück dann doch nicht.

 

Und das, obwohl sie schon mit The National auf Tour und zudem im Vorprogramm von Sufjan Stevens zu sehen war. Weiterhin versprühen die zurückhaltenden Klavier-Kompositionen eine optimistische Fröhlichkeit, denen Thomas Bartlett als Produzent Leben eingehaucht hat. Im Gegensatz zu anderen Künstlerinnen die Bartlett aufgenommen hat (z.B. Joan As Police Woman oder Florence + The Machine) bleibt Mina Tindles Sound immer unmittelbar zugänglich.

 

Mit einer dezenten, klassischen Schwere, kleinen Chorstimmen und sanften Percussion-Begleitungen, die die mal in französischer, mal in englischer Sprache verfassten Gesänge nur minimal aufbrezeln. Sogar ein gewisser analoger Hauch von Shoegaze weht durch die Songs, ohne verhallte Gitarrenwände und Post-Wave-Depressionen, dafür mit französischer Leidensfähigkeit, die von Grund auf eine gewisse elitäre Größe vorweisen kann. Und wer dann obendrein noch Sufjan Stevens höchstselbst als Feature (»Give A Little Love«) mit auf die Platte kriegt, dem darf man die berechtigte Relevanz im Strudel neuer Musikveröffentlichungen definitiv nicht absprechen.

 

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                             05.10.2020


MUSIK

METZ

Atlas Vending

Sub Pop/Cargo/VÖ: 09.10.

Die Plattenfirma stempelt das kanadische Trio nach wie vor als Punkband. Muss man sich eben auch mal fragen, was der Begriff im Jahr 2020 grundsätzlich bedeutet. Der komplexe Lärm, der auf diesem Album anscheinend direkt aus der Hölle entwichen ist, lässt sich mit spätem 1990er Post-Hardcore und den Noise-Bands des legendären Amphetamine Reptile-Labels (z.B. Helios Creed, Guzzard, The Cows) verknüpfen.

 

Aber auch mit jemandem wie dem Produzenten Steve Albini, der das letzte Album »Drained Lake« aufgenommen hat. Dieses Mal haben Ben Greenberg (Uniform) und Seth Manchester (Daughters, The Body) ihr Talent dabei bewiesen, den bestialischen Sound der Band einzufangen. Präzises Taktieren, kreischende Gitarrenwendungen, martialische Tiefschläge von Bass und Bassdrum, die wahlweise in uferloser Aggression münden, oder sich von der ein oder anderen kleinen Melodie (z.B. »No Ceiling«) einfangen lassen, über die Sänger/Gitarrist Alex Edkins seine Gedanken zur unveränderbaren Schlechtheit der Welt hinwegschreit.

 

»Hail Taxi« bietet zwischen monströsen Krachgebilden kurze, hymnische Refrains, bevor die Achterbahn sich erneut in die Tiefe stürzt. Lärm und Wut so pointiert auf den Punkt zu bringen, ist schwerer als es sich anfühlt, und Metz sind dabei auf Album Nummer vier von gelangweilter Nachlässigkeit immer noch meilenweit entfernt.

 

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                             05.10.2020


MUSIK

CULK

Zerstreuen über euch

Siluh/Cargo/VÖ: 09.10.

Solch schöne, düstere Wave-Gitarren hat man aus deutschsprachigen Landen schon lange nicht mehr gehört (kennt eigentlich noch jemand die Geisterfahrer, nur mal so?).

 

CULK, die Band um die Wiener Multiinstrumentalistin Sophie Löw haut nach ihrem selbstbetitelten Debüt von 2017 (dem der Spiegel einen »Suchtsound« attestierte) neun neue Songs raus, deren schaurig-schöne Dringlichkeit nicht unbemerkt bleiben kann. Produzent Wolfgang Möstl (Nino aus Wien, Voodoo Jürgens, Dives) hat diese frische Energie zwischen Shoegaze und Postpunk weiter verdichtet und lässt einen treibenden Song wie »Nacht« in der Indie-Disco-Rotation schnell mit den ewigen Joy-Division-Ohrwürmern gleichziehen.

 

Die erste Single »Dichterin« pendelt weiter ausholend zwischen bombastischem Refrain-Krach und London Grammar-artiger Pop-Unsterblichkeit. Löws sanft-perforierende Stimme fühlt sich in ruhigen Gitarrenflächen jedoch ebenso wohl, Texte zwischen verwunschener Poesie und messerscharfer Gegenwartsanalyse runden dieses Album gekonnt ab, ein kurzweiliges Erlebnis voll mit gefälligen Hooks und bedrohlicher Ehrlichkeit – das gefällt!

 

Klaas Tigchelaar // Veröffentlicht im Bonner Stadtmagazin Schnüss                                             09.10.2020